Electro Harmonix Big Muff Pi USA 01Fuzz Mama

Dieses Gitarren-Effektpedal aus dem Hause Electro Harmonix ist für viele Gitarristen die Mutter aller Zerren. Für mich auch!
Deshalb möchte ich Euch heute diesen Fuzz-Klassiker mit dem vage obszönen Namen vorstellen.

Eierlegender Wollmilch-Tyrannosaurus

Das Prinzip „Big Muff“ ist im Grunde sehr einfach: Du trittst drauf, und die Post geht ab. Seit den frühen 70ern definiert diese erstaunlich günstige und explosive Tretmine den Sound des Rock.

Schon die ersten Versionen des Big Muff Pi hatten anderen Fuzz-Pedalen der Zeit einiges voraus: Sie waren temperaturunabhängig – die Gitarristen konnten sich also auf einen gleichbleibenden Sound verlassen – und sie brachten ordentlich Low End mit. Andere Fuzzboxes wie der Fuzz Tone FZ-1 oder das Fuzz Face reicherten den Ton zwar auch mit ordentlich struppigem Höhengebritzel an, doch untenrum klingen diese Vorläufer und Konkurrenten im Vergleich doch arg dünn.

Der Trick beim Big Muff: In die Schaltung ist ein Octaver integriert, der das Ausgangssignal eine Oktave tiefer doppelt. In Kombination mit der Transistor-basierten Fuzz-Vezerrung bedeutet das: Der Klang wird nach unten UND nach oben hin angedickt.

Ein sehr wirkmächtiger Tone-Regler ermöglicht zudem das individuelle Ausbalancieren von hoch- und tieffrequenten Anteilen, sodass je nach Situation und Geschmack dröhnendes, schlammiges Gegrunze, sahnig-ausgewogener Schmelz oder fies kreischende Attacken aus der silbernen Kiste kommen können.

Hall of Fuzz

Entsprechend groß und illuster ist die Riege der Big Muff Pi-Nutzer.  David Gilmour (Pink Floyd) und Pete Townshend (The Who) waren die ersten prominenten Gitarristen, die sich auf den Big Muff verließen. Seither prägte die Fuzzbox den Sound von unzähligen Bands.  Hier nur mal eine Auswahl: U2, Kiss, The Smashing Pumpkins, The White Stripes, Nirvana, Red Hot Chili Peppers, Monster Magnet, Wolfmother, Mastodon, My Bloody Valentine, Nine Inch Nails, Muse, KoRn, Metallica, Sonic Youth … Auf dem hier bereits besprochenen Album „Spiderland“ von Slint ist im Song „Nosferatu Man“ übrigens auch eine Muff-Gitarre zu hören.

Features

Also schauen wir uns den Big Muff Pi mal näher an! Angesichts der vielen Varianten, die im Laufe der Zeit auf dem Markt waren, sollte ich noch dazu sagen: Ich habe einen Big Muff Pi USA Classic aus dem Jahr 2010. Zu allererst fällt auf: Das Ding trägt das Wort „Big“ nich zufällig im Namen. Mit 17,3 x 13,7 cm ist der Big Muff Pi ein ganz schöner Brocken. Auf dem Foto unten könnt Ihr ihn im Größenvergleich mit einem Tube Screamer sehen. Die Größe gehört schon auch ein bisschen zum Retro-Charme dieses Pedals dazu, denn das Design stammt schließlich aus einer Zeit, in der die Miniaturisierung noch nicht so weit fortgeschritten war wie heute. Für Gitarristen, die es lieber platzsparend haben möchten – manchmal geht es schließlich um jeden Quadratzentimeter im Effektkoffer – gibt es aber auch den „Little Big Muff“, der deutlich weniger klotzig daherkommt.

Electro Harmonix Big Muff Pi USA 02Größenvergleich: Big Muff Pi vs. Ibanez Tube Screamer

Zum Aktivieren tritt man auf den simplen Metallschalter, der mit einem ordentlichen Knacken einrastet. Eine große rote Statusleuchte zwischen Volume- und Tone-Poti zeigt an, ob der Muff aktiviert ist. (Profi-Tipp: Man hört es aber auch am Sound…) Die dicken schwarzen Drehregler aus Kunststoff sind stufenlos einstellbar.

„Volume“ regelt schlicht den Output – bei diesem Regler achte ich immer drauf, dass der Fuzz-Sound subjektiv lauter ist als der Clean-Sound, sonst gibt’s eine Enttäuschung, wenn man draufsteigt.

Der oben schon erwähnte „Tone“-Poti ermöglicht das Ausbalancieren der hoch- und tieffrequenten Klanganteile und formt den Klang ganz maßgeblich.

Mit dem „Sustain“-Regler wird der Zerrgrad eingestellt. Je mehr Sustain, desto dichter werden die Obertonanteile und desto länger und geigenartiger klingt der Ton aus – dafür geht aber auch Attack und Spieldynamik verloren. Für crunchy-expressives Rhythmusspiel empfielt sich daher eher eine niedrige Einstellung, während sich eine hohe Sustain-Einstellung für sahnige Soli und lang ausklingende Effektgitarren toll eignet.

Übrigens: Die Skala von 1–12, die hier auf den Bildern zu sehen ist, sowie die verschiedenen Markierungen habe ich auf meinen Muff draufgekritzelt – die sind nicht serienmäßig.

Die Anschlüsse sind spartanisch, aber völlig ausreichend: Einmal rein und einmal raus via großer Klinke. Zur Stromversorgung kommt entweder in eine aufschraubbare Klappe im Pedalboden eine 9 Volt Blockbattereie rein, oder man benutzt ein externes Netzteil. Achtung, die gängigen europäischen 9V-Netzteile passen hier nicht rein – wer den Big Muff Pi via Netzteil versorgen will, braucht ein US-Netzteil (Input: 230V ~ 50Hz 55mA, Output: 9V, 100mA MAX 0,9VA).

Big Muff Pi USA KontrollenBig Muff Pi USA Anschlüsse


Klangbeispiele

Test-Setup

Aber man kann noch so viel schreiben, den Muff muss man hören. Die folgenden Klangbeispiele habe ich mit einer Tele (Pickup-Switch in der Mittelstellung) über einen kleinen Laney Combo-Amp mit Federhall eingespielt und mit einem SM57 aufgenommen.

Clean
Nur zum Vergleich: So klingt das Setup mit abgeschaltetem Big Muff.


Mittelstellung
Hier hört Ihr den Big Muff mit allen Potis in der Mittelstellung. Deutlich hörbar sind die sägenden,  irgendwie struppig klingenden Höhen. Wer genau drauf achtet, kann aber auch die satten Tiefen entdecken, die insbesondere an den abgedämpften Stellen nachgrunzen. Mir persönlich ist diese Einstellung etwas zu dünn.


Warm
Schon besser: Mit dem Tone-Poti auf elf Uhr betont der Big Muff die tiefen, warmen Frequenzen, ohne seine sahnigen Obertöne zu verlieren. Ein bisschen mehr Schub auf den Verstärker tut eigentlich auch immer gut – so beginnt die Vorstufe, mitzuzerren. Die Sustain-Stellung auf neun Uhr reduziert den Verzerrungsgrad und lässt den Big Muff eher wie einen grimmigen alten Overdrive klingen.


Tief
Das hier nenne ich die Stoner Rock-Stellung: Tone komplett auf der dunklen Seite, wenig Sustain und dafür mehr Attack – und schon geht die rote Sonne über der Wüste auf. So viel tiefen Grunz und brodelnde Wärme kann ein kleiner Übungsamp haben, wenn man die richtige Zerre davorstellt!


Kreissäge
… das Gegenteil kann der Big Muff aber auch: Hier hören wir die aller sägendste und garstigste Einstellung. Wirklich schön ist das nicht, aber wenn die Gitarre mal auf jeden Fall durch den Mix schneiden soll oder Schmerzen auf Hörerseite erwünscht sind, kann das ja mal ganz praktisch sein. Beachtet das ewige Sustain am Ende


Solo
Mit Volume und Tone auf halb zwei und dem Sustain auf elf Uhr entlocken wir dem Big Muff ein breites, ausgeglichenes und präsentes Signal, das sich super für Soli und sonstige Erstgitarristen-Hooklines  eignet: durchsetzungsfähig und gleichzeitig breit. Mein Lieblingssound!


Fazit

Ich gebe es zu: Ich bin nicht objektiv. Der Big Muff Pi ist mein absolutes Lieblingspedal und definiert für mich, was Fuzz ist. Wie keine andere Zerre, die ich kenne, dickt er das Signal gleichzeitig untenrum an, während obenrum alles flimmert und sägt. Für Riffs, Powerchords und kraftvolle Single Note Lines gibt es keine ausgewogenere und fettere Zerre. Geil ist übrigens auch die Kombination mit einem klassischen Chorus hinter dem Muff – mit diesem Setup ist man sofort tief im Alternative Rock der 90er.
Fairerweise muss man auch deutlich sagen, was der Big Muff nicht kann: Er ist weder subtil noch dynamisch oder transparent. Es macht keinen Spaß, mehr als drei Seiten gleichzeitig anzuschlagen, wenn der Muff an ist – dann fängt es ziemlich an zu matschen, erst recht, wenn es um gebrochene Jazz-Akkorde und dergleichen geht. Für subtile Pickings sind die Nebengeräusche des Muff schlicht zu laut – man sollte nur drauftreten, wenn man es fett will! Aber man würde ja auch nicht mit einem Presslufthammer zum Seidenmal-Kurs gehen, oder?