Earth - Earth 2 [1993]Gestatten: Drone Doom!

Ganz ehrlich: Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass es in meinem musikalischen Interessengebiet noch Subgenres zu entdecken gibt, die ich nicht kenne. Und dann stieß ich auf verschlungenen Wegen auf DRONE DOOM! Für intellektuelle und/oder drogenaffine Metal-Kreise vermutlich längst ein alter Hut, hat mich diese obskure Nische direkt ziemlich gepackt. Und „Earth 2“, das Debüt der Band „Earth“, gilt als eine der Pionierarbeiten, wen nicht sogar DAS grundlegende Album dieses Genres.

Versucht man, das Genre-Kunstwort „Drone Doom“ möglichst elegant einzudeutschen, landet man bei Konstruktionen wie „Halteton des Verderbens“. Klingt einerseits wie eine Horrorkommödie, die in einer Musikschule spielt, andererseits beschreibt’s das, was auf „Earth 2“ zu hören ist, ziemlich exakt. Denn „Drone“ heißt nicht etwa einfach nur „Dröhnen“, sondern ist ein musikalischer Fachbegriff, der „Halteton“ bedeutet. Dieser Ton zieht sich durch ein musikalisches Werk komplett hindurch und bildet quasi den Harmonik-Fixpunkt der Komposition. Kennt man z. B. vom Dudelsack, da gibt’s auch eine „Drone“-Pfeife, die immer dudelt und nur einen einzigen Ton kann. Die restlichen Klänge mögen wandern und Kapriolen schlagen – der Halteton ist der unbeeindruckte musikalische Fels in der Brandung.

Diabolische Entschleunigung

Klingt monoton. Ist es auch. Dementsprechend ist Drone Doom quasi die Chillout- oder Ambient-Ecke des Metal. Falls es in der Hölle einen Spa-Bereich gibt, dürfte die Musik dort ziemlich genau so klingen wie „Earth 2“.

Ganz im Gegensatz zu den Gniedel- und Frickel-Gewittern von Speed-, Death- und Powermetal oder den unerwarteten Tonartwechseln des Postrock erforschen Earth und Konsorten die Düsternis in der Langsamkeit und Monotonie. Es gibt keine Harmoniewechsel. Und keinen Gesang. Und so gut wie keine Drums. Und eigentlich auch gar keine Songs: Auch wenn die über 90 Minuten Spielzeit von „Earth 2“ pro forma in drei Tracks unterteilt sind, ist die Platte eigentlich eine ununterbrochene Düsternis-Dauerwurst – das akustische Pendant zu einer Barfuß-Wanderung durch eine dämmrige Aschewüste, die sich von einem Horizont zum anderen erstreckt.

Der Halteton ist eine sich langsam windende, verzerrte Fläche (ein Bb übrigens). Um ihn herum mäandern stark verzerrte, ultratief gestimmte Gitarren, die über Bassverstärker gejagt wurden und selbstvergessen stark repetitive Riffs spielen. Dazu eine Bassgitarre – that’s it, eigentlich. Die Platte trägt übrigens den Untertitel „special low frequency version“, was aber, glaube ich, eher ein Gag der Band ist, denn eine andere Version gibt es meines Wissens nicht.

Fazit: Verzerrung und Versenkung

Im Netz findet sich eine eigene Debatte darüber, welche wundersamen Wirkungen das Hören dieser Platte auf Körper und Geist habe. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass es kein besseres Mittel gegen Spannungskopfschmerz gebe als „Earth 2“. Andere User empfehlen die Kombination des Albums mit verschiedenen Downern oder Meditationsübungen und schwören, sie hätten mehrere Zentimeter über dem Fußboden geschwebt oder luzide Träume gehabt, während die Platte lief. Diese Erfahrungen durfte ich (evtl. mangels Downern?) bisher leider nicht machen.

Doch Freunden der düsteren Nischenmusik, die wie ich auf die seltene Kombination von Verzerrung und Versenkung stehen, möchte ich diese Platte unbedingt ans Herz legen! „Earth 2“ erkundet das finstere Niemandsland zwischen Stoner Rock, Ambient und Psychedelic und dringt in Regionen des Unterbewusstseins vor, die sonst brachliegen. Zum Tanzen oder fürs Liebemachen würde ich „Earth 2“ allerdings weniger empfehlen.

4 Punkte