Slint - Spiderland [1991]Propheten des Post-Rock

Wer heute den Begriff „Post-Rock“ in den Mund nimmt, meint damit in der Regel ein ziemlich feststehendes Genre: komplexe Rhythmen, Gitarren mit vielen Effekten, Poser-Drums, Fünfsaiter-Bässe, breite waber-Synths, düstere Texte und neo-okkultes bzw. cheesy-psychedelisches Artwork – und das alles fett ausproduziert. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass das Etikett „Post-Rock“ ursprünglich mal ein Musikjournalisten-Konstrukt war, mit dessen Hilfe die riesige Bandbreite an Alternative-Bands fassbar gemacht werden sollte, die sich Ende der 80er und Anfang der 90er zwar auf die Rock-Tradition beriefen, aber angesichts der testosteronschwangeren Attitüde des Rock und seiner ausgenudelten Verse-Chorus-Verse-Struktur gleichzeitig nach neuen Wegen und Ausdrucksmitteln suchten. Dabei diente die DIY-Mentalität des (ursprünglichen) Indie-Rock genauso als Inspiration wie die Pionierarbeiten des Progressive- und Krautrock.

Slint aus Louisville, Tenessee gelten heutigen Fans und Kritikern als eine der wichtigsten Bands aus der Frühphase des Post-Rock – insbesondere ihre zweite (und letzte) Platte „Spiderland“ [1991] wird gerne als „das erste wirkliche Post-Rock Album“ bezeichnet. Grund genug, näher hinzuhören!

Trocken, nüchtern, verbastelt

Bereits das erste Gitarren-Intro zeigt, wohin die Reise geht: Ein verschachteltes 7/8-Motiv mit Flageolett-Tönen bereitet die Bühne für den zurückhaltenden Sprechgesang Brian McMahans. Der Sound ist drahtig und natürlich: Die hochgezüchete Fatness heutiger Post-Rock-Produtkionen fehlt gänzlich. Alles, was auf  „Spiderland“ zu hören ist, kommt aus der klassischen Rock-Besetzung von Slint. Eine Stimme, zwei Gitarren, ein Bass, Schlagzeug, fertig. Keine Synths, keine Samples und – soweit ich das beurteilen kann – keine Overdubs. Slint dürften im Proberaum ziemlich genauso geklungen haben wie auf dem Album. Entsprechend der Alternative-Philosophe der 90er sind die Instrumente extrem trocken aufgenommen – da ist kein künstlicher Hall, bloß ein bisschen unvermeidbarer Raum auf den Drums. Dadurch wirkt die Klangstruktur spröde wie ausgedörrter Wüstenboden.

Die Komplexität und Tiefe des Albums fußt ganz alleine auf den verschachtelten Kompositionen und dem ausdrucksstark-stoischen Zusammenspiel der Band. Selbst die spärlich gesäten Ausbruchsmomente mit verzerrten Gitarren  bringen keine Erlösung, sondern fühlen sich an, als würde man mit nackten Füßen über Bimsstein rennen. Slint lassen ihren Kompositionen Zeit, sich zu entfalten – durch Wiederholung und Variation der instrumentalen Grundmotive erzeugt jeder der sechs Überlänge-Songs auf „Spiderland“ seine eigene, einzigartige Grundstimmung.

Gesprochene Scherben

Die größtenteils leise und zurückhaltend vorgetragenen Texte erzählen in subjektiven Fragmenten von Begegnungen und Einsamkeit, Liebe, Abschied und Trost. Jede einzelne Passage scheint klar und prosaisch – in ihrer Mosaik-artigen Kombination ergeben die Fetzen aber Konstellationen, die ganze Kosmen an Subtext anzudeuten scheinen. „Don, Aman“ beispielsweise handelt oberflächlich betrachtet nur von einem Mann, der kurz vor der Kneipe Luft schnappt, pinkelt und dann wieder hineingeht. Durch die einzigartige, hypersubjektive Erzählweise des Textes wird diese alltägliche Szenerie aber zu einem veritablen Trip. Besonders markant ist der Text des finalen Siebeneinhalbminüters „Good Morning Captain“ – dem bekanntesten Slint-Track, der auch auf dem Soundtrack von „Kids“ (1995) landete. Schiffbruch, Kälte und Verwirrung verflechten sich zu einem intensiven Gefühl der befreienden Verlorenheit. Wir treiben gemeinsam mit Slint auf einer Eisscholle in den Nebel hinein …

Fazit

Post-Rock ist (wenn er gut ist) immer auch psychedelisch. Heutige Post-Rock-Bands klingen häufig wie ein überbordender Drogenrausch. Slint sind da anders: „Spiderland“ wird nicht durch akustische LSD-Äquivalente zum Trip, sondern durch seine fokussierte, nüchterne Konzentriertheit. Rausch durch Askese, Selbstversenkung und Disziplin – so stellt man sich Propheten vor. Slint sind für uns in die Wüste gegangen, haben sich 77 Tage lang nur von 7/8-Rhythmen und Sonnenlicht ernährt – und kamen zu uns zurück, um uns „Spiderland“ zu bringen. Gepriesen seien sie!

5 Punkte