Graham Coxon - The Kiss Of Morning [2002]Ein Hoch auf den Abschied:

Trennungsschmerz ist etwas so Fürchterliches, dass man ihn eigentlich keinem wünschen mag. Andererseits beflügelt dieses Gefühl regelmäßig Musiker zu Ausnahmeleistungen – man denke zum Beispiel an das grandios-niederschmetternde Album „Sea Changes“ von Beck. So auch hier: „The Kiss Of Morning“ ist das erste Graham Coxon-Soloalbum nach der Trennung von Blur – und es ist sein bisher bestes.

Goodbye Britpop

Bandinterne Streitigkeiten bei den Aufnahmen von „Think Tank“ hatten Coxon bewogen, Blur zu verlassen, nachdem die Band ihm über den gemeinsamen Manager hatte mitteilen lassen, dass er aufgrund von Alkoholproblemen bei den Aufnahmen eher störe. Der Ausnahmegitarrist, der von Beginn an ein bestenfalls zwiespältiges Verhältnis zum Erfolg von „Blur“ gehabt hatte, nahm diese Wendung zum Anlass, die Band zu verlassen und sich auf seine Solokarriere zu konzentrieren. Die 13 Lieder auf „The Kiss Of Morning“ kreisen dementsprechend um das Thema „Abschied“ – und beleuchten es von allen Seiten.

Fluchtpunkt: Westen

Der Opener „Bitter Tears“ arbeitet mit seinem skelettierten, naiven Arrangement die Einsamkeit nach einer Trennung ab. Dass Coxon nicht lange im Selbstmitleid zu schwelgen gedenkt, zeigt er hingegen gleich darauf mit der triumphalen, rotzigen Fluchtfantasie „Escape Song“. Und so funktioniert das ganze Album: Trauer, Sehnsucht, Reue und Nostalgie wechseln sich mit Aufbruch, Euphorie und pubertären Rachegelüsten ab – ohne dass eine Seite die Oberhand gewinnt. In „It Ain’t No Lie“ wird der stickigen Enge Großbritanniens die energiegeladene Weite des elektrischen Blues entgegengeschleudert: Hart verzerrte Slidegitarren und Cowbells ballern im Refrain den muffigen Britpop der Strophen weg.

Generell klingt Coxon auf dieser Platte ungeheuer amerikanisch – und zwar im guten Sinne. Country- und Blues-Elemente verbrüdern sich mit dem rotzigen Grunge/Punk-Sound, der in den stetig verkopfter werdenden Kompositionen von Blur immer weniger Platz gefunden hatte. Sounds und Grooves, die an The Velvet Undergrund („It Ain’t No Lie“) und den „Pulp Fiction“-Soundtrack („Just Be Mine“) erinnern, garnieren diesen einmaligen Umbruchs-Soundtrack.

Mein persönlicher Anspieltipp: „Do What You Are Told“ verbindet pubertäre Auflehnung und euphorisierende Fuzz-Gitarren mit einem gescheiterten Exorzismus-Versuch: „You’re lying and you’re dying and you scream and shout – but you can never seem to get the sickness out“. Da wird einer trotz allen Neuanfangs seine Dämonen nicht los. Macht nichts, denn es klingt fantastisch!

Fazit

Jeder, der diese bittersüße Mischung aus Trennungsschmerz und der tollkühnen Euphorie eines Aufbruchs schonmal erlebt hat, muss dieses Album lieben. Und allen anderen sollte die krude, aber passende Mischung aus hartem Geschraddel und sanftestem Country/Singer-Songwriter-Picking genug sein! Denn ganz nebenbei zeigt Coxon auf „The Kiss Of Morning“, was man mit einer Gitarre alles machen kann – ganz ohne Gepose. Meisterwerk!

5 Punkte