Das hier ist übrigens kein Museum:

Bisher habe ich ausschließlich Alben aus der Zeit um die Jahrtausendwende rezensiert – was eher Zufall als Konzept war. Um zu verhindern, dass es hier nur um verdiente, aber angestaubte Lofi-Klassiker geht, werde ich in Zukunft immer mal wieder aktuelle Fundstücke aus den Tiefen des Internets besprechen – und zwar vorzugsweise von Musikern ohne Plattenvertrag. Graswurzel-Lofi also … In diesem Sinne: Kennt Ihr den schon? Ich schätze, nicht!

Koitus - Koitus [2012]Slacker-Perle aus dem Netz

„Koitus“ ist das Debut des gleichnamigen Künstlers, der von sich behauptet, aus „Basementville“ zu stammen. Eingehende Recherchen haben gewisse Zweifel an der Existenz eines solchen Ortes aufkommen lassen. Der Name „Koitus“ ist übrigens ein schlechtes Wortspiel mit dem bürgerlichen Namen unseres Protagonisten: Der Gute heißt Nick Koithan. Aber pubertäre Spaßigkeiten und Versteckspiele hin oder her, „Koitus“ hat echt alles, was eine Platte braucht, um sich als Lofi-Fundstück zu qualifizieren. Wir hören einen etwas quäkig singenden jungen Mann und seine Akustikgitarre, von ihm selbst aufgenommen und produziert. Die Machart der sieben Lieder entspricht der des Plattencovers: Alles wurde in skizzenhaftem, imperfektem Zustand belassen und steht achselzuckend zu seiner eigenen Rauheit, und wenn man eine Schublade für diesen Künstler finden möchte, dann sollte dort ganz groß „Slacker“ draufstehen!

Endlich mal jemand, der sich egal ist

Beim Hören hat man ein Bild des Schlafzimmerstudios vor Augen, in dem Koitus musiziert: Ich sehe eine nackte Matratze, leere Pizzaschachteln und eine müffelnde, aber zufriedene Katze. Denn die Lieder sind (zu Glück) das genaue Gegenteil der viel zu vielen bedeutungsschwanger-romantisch-poetischen Barden-Balladen, die man mittlerweile fast zwangsläufig mit der Kombi „Mann und Gitarre“ assoziiert. „Koitus“ ist Slackertum in Reinkultur. In den Liedern geht es ums Egalsein, um seltsame Alltäglichkeiten, alltägliche Seltsamkeiten und die traumatisierende Konfrontation mit dem morgendlich klingelnden Wecker. Und um Tom, der vorgibt, Kanadier zu sein, es aber gar nicht ist. In der Summe erschaffen die sieben Lieder eine einzigartige Stimmung, die sich anfühlt, als würde man spätnachmittags verkatert mit einem guten Freund frühstücken: beiläufig, entspannt, ein bisschen abgefuckt, aber dafür unverstellt und nah. „Gibst du mir mal den Frischkäse?“ – „Ist verschimmelt …“

Und dann auch noch Fuzz!

Ja, als hätte Herr Koithan die Platte extra für diesen Blog aufgenommen, durchbricht ab und an sogar eine brezelige, ungestüme Fuzz-Gitarre die minimalistischen Arrangements. Zu hören beispielsweise im Track „The Swathe Sisters‘ Macramé Social Circle“ ab 0:37. Bräääää! Tja, so Musik wird halt heutzutage nicht mehr … ach Moment, das ist ja von heute!

Fazit:

So muss das. Diese Platte ist schräg, sympathisch und unterhaltsam, und außerdem ist sie ein echtes Statement. Es ist großartig, dass es im Netz knarzige Kuriositäten wie dieses Album zu entdecken gibt. „Koitus“ lässt mich hoffen, dass sich im digitalen Dickicht weitere Fundstücke dieser Güteklasse verbergen. Wir werden sehen!

Das Album gibt es auf soundcloud und bandcamp im Stream und zum kostenlosen Download:

soundcloud.com/koitus

koitus.bandcamp.com/album/koitus

4 Punkte