Bright Eyes - Every Day and Every Night coverDas nennst du eine Depression? DAS HIER ist eine Depression!

Es gibt diese spezielle Art von leidenschaftlicher Verzweiflung, die Menschen um die 20 vorbehalten zu sein scheint. Mit einem Bein noch in der Pubertät, mit dem anderen schon auf dem Weg in ein eigenständiges Leben als Erwachsener, ist dieses Alter ein großartiger Nährboden für einen narzisstischen Weltschmerz, der sich selbst ein bisschen zu ernst nimmt. Bright Eyes-Mastermind Conor Oberst war 19, als zwischen zwei Alben die EP „Every Day And Every Night“ entstand. Und die fünf Lieder darauf sind düstere Hymnen an genau diese unvergleichliche um-die-20-Depression – aus vollem, blutenden Herzen geschöpft und komplett ohne relativierende Reflexion vorgetragen. Das ist vermutlich auch der Grund, warum die englischsprachige Wikipedia das Album als „Emo“ abheftet – was musikhistorisch Quatsch ist, denn mit dem aus der Hardcore-Szene erwachsenen Emo-Core hat Oberst so viel am Hut wie Trent Reznor mit R’n’B. Aber Inhalte und Haltung sind in der Tat auf dieser Platte extrem emo.

Scheiße, das ist echt

Mit brüchiger Stimme singt Oberst voller Inbrunst über Leere, Einsamkeit, Alkoholismus, Sinnsuche und das Hadern mit der eigenen Sterblichkeit. Seine Eltern sorgen sich ob seiner dünnen, blassen Erscheinung, und er schaut von außen neidisch auf die selbstvergessene Leidenschaft von Verliebten, die ihm vorenthalten bleibt. Je nach eigener Stimmung kann man über dieses übersteigert pathetisch wirkende Selbstmitleid schmunzeln – und ich finde, es spricht auch nichts gegen diese Reaktion. Doch manchmal schnürt es einem schlicht die Kehle zu, wenn man realisiert, wie tief empfunden und aufrichtig die suizidale Verzweiflung ist, die hier aus jedem einzelnen Ton hervorquillt. So klingt ein Mensch, der versucht, sich seine Dämonen auszutreiben.

Lofi-Opulenz

Der Klang von „Every Day And Every Night“ passt hervorragend zu den unmittelbar-pathetischen Qualitäten des Inhalts. Grundgerüst der Songs ist das klassische Singer-Songwriter-Besteck: Westerngitarre und Gesang, und zwar mit allen schiefen Tönen und all dem Saitengeschepper, das dazugehört. Doch von Purismus kann nicht die Rede sein, denn um diese Kernarrangements herum entfalten sich überbordende Kumuluswolken aus opulenten Synths, Streichern, Bottleneck-Gitarren und verrauschten Field-Recordings. Ausnahme: Track 5, der sphärische „Neely O’Hara“, in dem es um Schlafmittel und Identitätsverlust geht, ist ein experimentelles elektronisces Synth- und Samplegeflecht, das wie eine Keimzelle des Albums „Digital Ash In A Digital Urn“ von 2005 wirkt.

Fazit

Auf Bright Eyes im Allgemeinen und insbesondere auf dieses Album muss man schon dezidiert Appetit haben, um es wertschätzen zu können. Ein bisschen wie Blauschimmelkäse – den snackt man ja auch nicht mal so nebenher weg. „Every Day And Every Night“ ist eine düster-bunte, unmittelbare und (Vorsicht, böses Wort!) authentische Momentaufnahme einer Depression, die man nicht immer nah an sich heranlassen möchte. Aber sie ist wertvoll. Auch, weil man nach dieser 23-Minuten-Dosis im Idealfall unter dem Gefühl hindurchgetaucht ist – und heil auf der anderen Seite wieder herauskommen und frische Luft atmen kann.

4 Punkte