Befruchtung

Elf Jahre ist diese Platte jetzt schon alt. Adam Green war damals 20, und seine Solokarriere gab es noch nicht. Auch von Kimya Dawson, damals 28, hatte noch niemand was gehört. „The Moldy Peaches“ ist damit ein Doppeldebüt, quasi eine Lofi-Eizelle mit zwei befruchteten Zellkernen. Eine fantastische Kombination: Der emotionslos-lakonische Green mit seinen sexuell aufgeladenen, zynischen Zeilen trifft in Dawson sein warmherziges, fragiles und mutiges Gegenstück. Ein schönes Beispiel für diese Polarität ist „Steak For Chicken“. Bei diesem folkigen Duett singen die beiden teils synchron, teils gleichzeitig unterschiedliche Texte. Kostprobe:

KD: Who is gonna hurt my feelings?
AG: Who is gonna stroke my penis?

KD: Whose empty heart needs filling?
AG: Whose pussy hole needs filling?

Greens postpubertäre Sex-Tourette und Dawsons emotionale Offenheit – eine Traumkombination. Die Lieder, die bei diesem Clash entstehen, sind so eigen, rotzig und liebenswürdig, dass es nicht überrascht, dass „The Moldy Peaches“ zu den Geburtshelfern der New Yorker Antifolk-Szene wurden.

Peinlich und nah

Wichtigstes Merkmal der schimmligen Pfirsiche ist die völlige Angstfreiheit in Bezug auf Peinlichkeit. Das führt zu ein, zwei schlimmen Fremdscham-Momenten (Anspieltipp für Masochisten: „On Top“, eine Art NuMetal/Crossover-Parodie), aber eben vor allem zu dem Gefühl, ganz nah an den Musikern dran zu sein. Dabei deckt die Band ein breites Spektrum an Stimmungen und musikalischen Ausdrucksweisen ab. Die Skala reicht von der nerdigen, Gitarrenanfänger-tauglichen Ballade „Anyone Else But You“ (bekannt aus dem „Juno“-Soundtrack) über drogige Merkwürdigkeiten („These Burgers“ – man beachte die Blockflöte!) bis hin zu super hart verzerrten Schreiorgien wie „What Went Wrong“ und „Little Bunny Foo Foo“. Hier zeigt sich auch schon, was sich später in den Solokarrieren der beiden festigt: Dawson verfügt über dutzende Ausdrucksweisen – Green nur über eine.

Lofi-Lektionen

Und Alter, ist das alles schrottig aufgenommen. Das Schlagzeug rumpelt, die E-Gitarren klingen, als seien sie ohne Verstärker direkt ins Mischpult gesteckt worden, und alles zerrt, scheppert und rauscht. Besonders lofi: das gutgelaunte „Lazy Confessions“. Ein toller Moment: Bei „Nothing Came Out“, einer wunderschönen Ballade über die Nöte und Minderwertigkeitskomplexe eines Nerdmädches, klingelt mittendrin das Telefon. Dawson singt weiter, aber man hört, dass sie sich das Lachen gerade noch so verkneifen kann.

Fazit

Wer „The Moldy Peaches“ durchhört, hat entweder Kopfschmerzen – oder das Gefühl, einen ausgelassenen, intensiven Abend mit guten Freunden verbracht zu haben. Musikalisch glänzt das Album eigentlich nur durch Mut zum Dilettantismus – instrumental ist da nix zu holen. Aber das ist halt auch geil. (Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: DIESE BLOCKFLÖTE!) Einzigartig und wertvoll ist das Gefühl, das diese Platte erzeugt. Selten habe ich so stark das Bedürfnis verspürt, in einem Tierkostüm zu tanzen!