Erstkontakt

Für meine erste Rezension habe ich mir das Album ausgesucht, das mir diese ganze Nische erst eröffnet hat. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, eher ein Erweckungserlebnis auf Raten. Ein Freund hat mir „In The Aeroplane Over The Sea“ geschenkt. Meine erste Reaktion beim Hören war eher so „njääää?“ Da singt ein Mann, der nicht besonders gut singen kann, über „Jesus Christ“, umschwirrt von Bläsern und brezeligen Gitarren. Immerhin Gitarren, dachte ich. Was mich zum Zuhören gebracht hat, waren aber die Texte. Der schenkende Freund moderierte die Gabe schließlich auch an mit dem Satz: „Ist total gut, der Typ singt, als ob er selber nicht wüsste, was die nächste Zeile ist!“

Wirre Worte

Stimmt irgendwie, und auch wieder nicht. Jeff Mangum, Sänger, Gitarrist und Mastermind von Neutral Milk Hotel, schreibt Liedtexte wie frei assoziierte surrealistische Gedichte. Es liegt beim Hörer, verwirrt wegzuhören – oder sich von diesen wahnsinnigen Wortsträngen mit auf die Reise nehmen zu lassen. Unter psychedelischer Musik stellt man sich gemeinhin ja eher Pink Floyd und Epigonen vor. Aber auf eine bestimmte Weise ist „In The Aeroplane Over The Sea“ deutlich bewusstseinserweiternder als das generische Geschwurbel der LSD-Altvorderen. Hört man genauer hin, schälen sich ineinander verschachtelte Traumbilder heraus, in denen Liebe, Tod, Verzweiflung und Trost wild ineinander verschlungen sind und irgendwie eins werden. Romantische und sexuelle Liebe verschmelzen auf inspirierende und beunruhigende Weise mit Gewalt, Tod und Verlust, aber auch mit Freiheit und naiven Paradiesvorstellungen.

Spuren eines toten Mädchens

Tatsächlich gibt es thematisch sogar einen roten Faden. Nach Aussage Mangums war das Schicksal der Anne Frank eine wichtige Inspiration für das Album. In irrealen, alogischen Szenerien überwindet das lyrische Ich die Grenzen von Zeit, Raum und Tod, um eine unmögliche, traumartige Liebesbeziehung zu dem prominenten Holocaustopfer einzugehen. Am deutlichsten wird dies in der Single „Holland, 1945“. Und das alles verbunden mit dieser euphorisch scheppernden, jaulenden, brummenden Musik. Hand aufs Herz: Hätte ich davon nicht gelesen, wäre mir diese Bedeutungsebene komplett entgangen. Macht aber nichts. Dieses Album dürfte aufgrund seiner extremen lyrischen Verschrobenheit bei jedem Hörer ein komplett anderes Erlebnis auslösen, und das ist gut so.

Halbdilettantisch und wegweisend

Die hohen Töne trifft Mangus selten. Wummerfrequenzen dröhnen aus der Steelstring-Gitarre. Die Arrangements wirken stellenweise fast übervoll – raue akustische Farbexplosionen, die die Sinne überwältigen wollen und gleichzeitig einen schillernden Sog erzeugen. Die Mischung dieser teils schüchternen, teils überbordend selbstbewussten Imperfektionen erzeugt ein Gefühl, das einem tiefen, euphorischen, beängstigenden und von Liebe durchtränkten Rausch gleicht. Kein Wunder, dass Bands wie Franz Ferdinand, Arcade Fire und Caribou dieses Album als Inspiration bezeichnen.

Sound, der süchtig macht

Die folkigen Bläser und Westerngitarren machen schon was her, wenn man eventuelle Berührungsängste erstmal überwunden hat. Aber die größten Momente von „In The Aeroplane Over The Sea“ entstehen, wenn in diese akustische Schrummeligkeit plötzlich diese struppig verzerrten Fuzzgitarren hineinbrechen. Ohne die Welt zu zerstören, in die sie eindringen, fügen sie ihr eine explosive, rollende, schillernde Dimension hinzu, die einem jedes mal wieder das Hirn wegbläst. Besonders gut zu hören in den Tracks „Holland, 1954“, „Ghost“ und „King Of Carrot Flowers Part 2 & 3“. Ist man erstmal von diesem Klang angefixt, ist es schmerzlich herauszufinden, dass Neutral Milk Hotel nur zwei Studioalben aufgenommen haben. Um so mehr freut es, dass die Band zu einem größeren Musikerkollektiv gehört hat, das sich gegenseitig beim Aufnehmen und Produzieren ihrer Musik half: Die Elephant 6 Recording Company, zu der Bands wie The Olivia Tremor Control, The Apples In Stereo, The Gerbils, Elf Power und viele mehr gehören. Dieser Dunstkreis wird hier bestimmt noch das eine oder andere Mal eine Rolle spielen.

Fazit

„In The Aeroplane Over The Sea“ ist ein wegweisendes, schillerndes, einmaliges Album. Es zieht den Hörer, der sich darauf einlässt, komplett in seinen Bann und lässt ihn so schnell nicht mehr los. Zurecht ein Klassiker und für mich immerhin Grund genug, dieser eher abseitigen Musikrichtung einen Blog zu widmen. Alle Lampen an!