Slint - Spiderland [1991]Propheten des Post-Rock

Wer heute den Begriff “Post-Rock” in den Mund nimmt, meint damit in der Regel ein ziemlich feststehendes Genre: komplexe Rhythmen, Gitarren mit vielen Effekten, Poser-Drums, fünfsaiter-Bässe, breite waber-Synths, düstere Texte und neo-okkultes bzw. cheesy-psychedelisches Artwork – und das alles fett ausproduziert. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass das Etikett “Post-Rock” ursprünglich mal ein Musikjournalisten-Konstrukt war, mit dessen Hilfe die riesige Bandbreite an Alternative-Bands fassbar gemacht werden sollte, die sich Ende der 80er und Anfang der 90er zwar auf die Rock-Tradition beriefen, aber angesichts der testosteronschwangeren Attitüde des Rock und seiner ausgenudelten Verse-Chorus-Verse-Struktur gleichzeitig nach neuen Wegen und Ausdrucksmitteln suchten. Dabei diente die DIY-Mentalität des (ursprünglichen) Indie-Rock genauso als Inspiration wie die Pionierarbeiten des Progressive- und Krautrock.

Slint aus Louisville, Tenessee gelten heutigen Fans und Kritikern als eine der wichtigsten Bands aus der Frühphase des Post-Rock – insbesondere ihre zweite (und letzte) Platte “Spiderland” [1991] wird gerne als “das erste wirkliche Post-Rock Album” bezeichnet. Grund genug, näher hinzuhören!

Trocken, nüchtern, verbastelt

Bereits das erste Gitarren-Intro zeigt, wohin die Reise geht: Ein verschachteltes 7/8-Motiv mit Flageolett-Tönen bereitet die Bühne für den zurückhaltenden Sprechgesang Brian McMahans. Der Sound ist drahtig und natürlich: Die hochgezüchete Fatness heutiger Post-Rock-Produtkionen fehlt gänzlich. Alles, was auf  “Spiderland” zu hören ist, kommt aus der klassischen Rock-Besetzung von Slint. Eine Stimme, zwei Gitarren, ein Bass, Schlagzeug, fertig. Keine Synths, keine Samples und – soweit ich das beurteilen kann – keine Overdubs. Slint dürften im Proberaum ziemlich genauso geklungen haben wie auf dem Album. Entsprechend der Alternative-Philosophe der 90er sind die Instrumente extrem trocken aufgenommen – da ist kein künstlicher Hall, bloß ein bisschen unvermeidbarer Raum auf den Drums. Dadurch wirkt die Klangstruktur spröde wie ausgedörrter Wüstenboden.

Die Komplexität und Tiefe des Albums fußt ganz alleine auf den verschachtelten Kompositionen und dem ausdrucksstark-stoischen Zusammenspiel der Band. Selbst die spärlich gesäten Ausbruchsmomente mit verzerrten Gitarren  bringen keine Erlösung, sondern fühlen sich an, als würde man mit nackten Füßen über Bimsstein rennen. Slint lassen ihren Kompositionen Zeit, sich zu entfalten – durch Wiederholung und Variation der instrumentalen Grundmotive erzeugt jeder der sechs Überlänge-Songs auf “Spiderland” seine eigene, einzigartige Grundstimmung.

Gesprochene Scherben

Die größtenteils leise und zurückhaltend vorgetragenen Texte erzählen in subjektiven Fragmenten von Begegnungen und Einsamkeit, Liebe, Abschied und Trost. Jede einzelne Passage scheint klar und prosaisch – in ihrer Mosaik-artigen Kombination ergeben die Fetzen aber Konstellationen, die ganze Kosmen an Subtext anzudeuten scheinen. “Don, Aman” beispielsweise handelt oberflächlich betrachtet nur von einem Mann, der kurz vor der Kneipe Luft schnappt, pinkelt und dann wieder hineingeht. Durch die einzigartige, hypersubjektive Erzählweise des Textes wird diese alltägliche Szenerie aber zu einem veritablen Trip. Besonders markant ist der Text des finalen Siebeneinhalbminüters “Good Morning Captain” – dem bekanntesten Slint-Track, der auch auf dem Soundtrack von “Kids” (1995) landete. Schiffbruch, Kälte und Verwirrung verflechten sich zu einem intensiven Gefühl der befreienden Verlorenheit. Wir treiben gemeinsam mit Slint auf einer Eisscholle in den Nebel hinein …

Fazit

Post-Rock ist (wenn er gut ist) immer auch psychedelisch. Heutige Post-Rock-Bands klingen häufig wie ein überbordender Drogenrausch. Slint sind da anders: “Spiderland” wird nicht durch akustische LSD-Äquivalente zum Trip, sondern durch seine fokussierte, nüchterne Konzentriertheit. Rausch durch Askese, Selbstversenkung und Disziplin – so stellt man sich Propheten vor. Slint sind für uns in die Wüste gegangen, haben sich 77 Tage lang nur von 7/8-Rhythmen und Sonnenlicht ernährt – und kamen zu uns zurück, um uns “Spiderland” zu bringen. Gepriesen seien sie!

5 Punkte

Candle Bird - Candle Bird [2012]Wenn dir das Leben eine Ukulele schenkt, mach ein Album damit:

Eddie Vedder soll ja angeblich mal eine Songwriting-Blockade überwunden haben, indem er sich in einem Ramschladen spontan eine Ukulele kaufte – und so die Musik neu entdeckte. Und auch Heather Ziegler, eine junge Musikerin aus den USA, scheint mithilfe dieses niedlichen Saiteninstruments eine neue Schicht ihrer Kreativität freigelegt zu haben. Die Geschichte, die sie erzählt, klingt verblüffend ähnlich: Auf der Suche nach einem Banjo stolperte sie in einem Second-Hand-Musikladen über die possierliche Baby-Gitarre – und konnte nicht widerstehen. So wurde „Candle Bird“ geboren.

Willkommen in LoFi-Land

Ziegler hat diverse musikalische Eisen im Feuer: Von Synth Pop („Yie Yie“) über düstere Slow Core/ Ambient Tracks („Wood Woses”) bis hin zu hübschem Dream Pop („Rabbit Heart“) und diverse Kollaborationen hat sie schon einiges an Wohlklang in die Cloud geworfen. Doch die skelettierten, leisen Ukulele-und-Stimme-Schlafzimmer-Aufnahmen, die sie unter dem „Candle Bird“- Pseudonym aufnimmt, haben es mir besonders angetan. Im Gegensatz zu den anderen Projekten ist es ihr hier in kürzester Zeit gelungen, ein komplettes Debüt-Album zustande zu bringen – wo kein Anspruch auf HiFi-Perfektion ist, da ist der potenzielle Output halt auch höher … Das sieht die Dame selbst auch so: „[...] the fact that I made the Candle Bird album so quickly out of the blue kind of makes me laugh“. Sie genieße das schnelle Vorankommen und die Freiheit, die der LoFi-Ansatz mit sich bringe. Da kann man nur sagen: herzlich willkommen!

Kleine Klänge & schamanistische Chipmunks

Alles, was wir auf „Candle Bird“ hören, ist klein: Heathers Stimme, die Ukulele, die Harmonika, selbst die als Shaker missbrauchte Tic Tac-Schachtel in „An Obsession“. Teils klingen die mehrstimmigen Vocal-Arrangements wie Chipmunks – und dennoch haben sie eine geisterhafte Qualität, die mir immer wieder einen Schauer über den Rücken jagt. Keines der kurzen Lieder ist aufwändig, vertrackt oder sonst irgendwie tricky komponiert – im Gegenteil: Die Stücke wirken spontan und so simpel, dass sie irgendwo zwischen Kinderlied und schamanischer Repetitivität schweben. Das Ergebnis ist ein magischer Sog und eine pure, zerbrechliche Schönheit. Alles in allem: ziemlich genau das Gegenteil von „Muse“! Ein Glück …


Fazit

Dieses Projekt ist nicht nur frisch, mutig und spannend, sondern liefert dank der anderen musikalischen Aktivitäten Heather Zieglers auch eine großartige Möglichkeit, LoFi- und HiFi-Ansatz direkt miteinander zu vergleichen. Und ohne ihre anderen Projekte runtermachen zu wollen, wird aus meiner Sicht doch sehr deutlich: Amtliche Produktionen und das Erfüllen klanglicher Normen und Standards mögen die Angriffsfläche verringern und das kommerzielle Potenzial eines Projektes (scheinbar) erhöhen – doch sie verschleiern häufig auch viel von der Einzigartigkeit und Kreativität eines Künstlers. Schön, dass es MusikerInnen gibt, die sich klanglich nackig machen!

http://candlebird.bandcamp.com/album/candle-bird

https://soundcloud.com/candle-bird

4 Punkte

Graham Coxon - The Kiss Of Morning [2002]Ein Hoch auf den Abschied:

Trennungsschmerz ist etwas so Fürchterliches, dass man ihn eigentlich keinem wünschen mag. Andererseits beflügelt dieses Gefühl regelmäßig Musiker zu Ausnahmeleistungen – man denke zum Beispiel an das grandios-niederschmetternde Album “Sea Changes” von Beck. So auch hier: “The Kiss Of Morning” ist das erste Graham Coxon-Soloalbum nach der Trennung von Blur – und es ist sein bisher bestes.

Goodbye Britpop

Bandinterne Streitigkeiten bei den Aufnahmen von “Think Tank” hatten Coxon bewogen, Blur zu verlassen, nachdem die Band ihm über den gemeinsamen Manager hatte mitteilen lassen, dass er aufgrund von Alkoholproblemen bei den Aufnahmen eher störe. Der Ausnahmegitarrist, der von Beginn an ein bestenfalls zwiespältiges Verhältnis zum Erfolg von “Blur” gehabt hatte, nahm diese Wendung zum Anlass, die Band zu verlassen und sich auf seine Solokarriere zu konzentrieren. Die 13 Lieder auf “The Kiss Of Morning” kreisen dementsprechend um das Thema “Abschied” – und beleuchten es von allen Seiten.

Fluchtpunkt: Westen

Der Opener “Bitter Tears” arbeitet mit seinem skelettierten, naiven Arrangement die Einsamkeit nach einer Trennung ab. Dass Coxon nicht lange im Selbstmitleid zu schwelgen gedenkt, zeigt er hingegen gleich darauf mit der triumphalen, rotzigen Fluchtfantasie “Escape Song”. Und so funktioniert das ganze Album: Trauer, Sehnsucht, Reue und Nostalgie wechseln sich mit Aufbruch, Euphorie und pubertären Rachegelüsten ab – ohne dass eine Seite die Oberhand gewinnt. In “It Ain’t No Lie” wird der stickigen Enge Großbritanniens die energiegeladene Weite des elektrischen Blues entgegengeschleudert: Hart verzerrte Slidegitarren und Cowbells ballern im Refrain den muffigen Britpop der Strophen weg.

Generell klingt Coxon auf dieser Platte ungeheuer amerikanisch – und zwar im guten Sinne. Country- und Blues-Elemente verbrüdern sich mit dem rotzigen Grunge/Punk-Sound, der in den stetig verkopfter werdenden Kompositionen von Blur immer weniger Platz gefunden hatte. Sounds und Grooves, die an The Velvet Undergrund (“It Ain’t No Lie”) und den “Pulp Fiction”-Soundtrack (“Just Be Mine”) erinnern, garnieren diesen einmaligen Umbruchs-Soundtrack.

Mein persönlicher Anspieltipp: “Do What You Are Told” verbindet pubertäre Auflehnung und euphorisierende Fuzz-Gitarren mit einem gescheiterten Exorzismus-Versuch: “You’re lying and you’re dying and you scream and shout – but you can never seem to get the sickness out”. Da wird einer trotz allen Neuanfangs seine Dämonen nicht los. Macht nichts, denn es klingt fantastisch!

Fazit

Jeder, der diese bittersüße Mischung aus Trennungsschmerz und der tollkühnen Euphorie eines Aufbruchs schonmal erlebt hat, muss dieses Album lieben. Und allen anderen sollte die krude, aber passende Mischung aus hartem Geschraddel und sanftestem Country/Singer-Songwriter-Picking genug sein! Denn ganz nebenbei zeigt Coxon auf “The Kiss Of Morning”, was man mit einer Gitarre alles machen kann – ganz ohne Gepose. Meisterwerk!

5 Punkte

Das hier ist übrigens kein Museum:

Bisher habe ich ausschließlich Alben aus der Zeit um die Jahrtausendwende rezensiert – was eher Zufall als Konzept war. Um zu verhindern, dass es hier nur um verdiente, aber angestaubte Lofi-Klassiker geht, werde ich in Zukunft immer mal wieder aktuelle Fundstücke aus den Tiefen des Internets besprechen – und zwar vorzugsweise von Musikern ohne Plattenvertrag. Graswurzel-Lofi also … In diesem Sinne: Kennt Ihr den schon? Ich schätze, nicht!

Koitus - Koitus [2012]Slacker-Perle aus dem Netz

“Koitus” ist das Debut des gleichnamigen Künstlers, der von sich behauptet, aus “Basementville” zu stammen. Eingehende Recherchen haben gewisse Zweifel an der Existenz eines solchen Ortes aufkommen lassen. Der Name “Koitus” ist übrigens ein schlechtes Wortspiel mit dem bürgerlichen Namen unseres Protagonisten: Der Gute heißt Nick Koithan. Aber pubertäre Spaßigkeiten und Versteckspiele hin oder her, “Koitus” hat echt alles, was eine Platte braucht, um sich als Lofi-Fundstück zu qualifizieren. Wir hören einen etwas quäkig singenden jungen Mann und seine Akustikgitarre, von ihm selbst aufgenommen und produziert. Die Machart der sieben Lieder entspricht der des Plattencovers: Alles wurde in skizzenhaftem, imperfektem Zustand belassen und steht achselzuckend zu seiner eigenen Rauheit, und wenn man eine Schublade für diesen Künstler finden möchte, dann sollte dort ganz groß “Slacker” draufstehen!

Endlich mal jemand, der sich egal ist

Beim Hören hat man ein Bild des Schlafzimmerstudios vor Augen, in dem Koitus musiziert: Ich sehe eine nackte Matratze, leere Pizzaschachteln und eine müffelnde, aber zufriedene Katze. Denn die Lieder sind (zu Glück) das genaue Gegenteil der viel zu vielen bedeutungsschwanger-romantisch-poetischen Barden-Balladen, die man mittlerweile fast zwangsläufig mit der Kombi “Mann und Gitarre” assoziiert. “Koitus” ist Slackertum in Reinkultur. In den Liedern geht es ums Egalsein, um seltsame Alltäglichkeiten, alltägliche Seltsamkeiten und die traumatisierende Konfrontation mit dem morgendlich klingelnden Wecker. Und um Tom, der vorgibt, Kanadier zu sein, es aber gar nicht ist. In der Summe erschaffen die sieben Lieder eine einzigartige Stimmung, die sich anfühlt, als würde man spätnachmittags verkatert mit einem guten Freund frühstücken: beiläufig, entspannt, ein bisschen abgefuckt, aber dafür unverstellt und nah. “Gibst du mir mal den Frischkäse?” – “Ist verschimmelt …”

Und dann auch noch Fuzz!

Ja, als hätte Herr Koithan die Platte extra für diesen Blog aufgenommen, durchbricht ab und an sogar eine brezelige, ungestüme Fuzz-Gitarre die minimalistischen Arrangements. Zu hören beispielsweise im Track “The Swathe Sisters’ Macramé Social Circle” ab 0:37. Bräääää! Tja, so Musik wird halt heutzutage nicht mehr … ach Moment, das ist ja von heute!

Fazit:

So muss das. Diese Platte ist schräg, sympathisch und unterhaltsam, und außerdem ist sie ein echtes Statement. Es ist großartig, dass es im Netz knarzige Kuriositäten wie dieses Album zu entdecken gibt. “Koitus” lässt mich hoffen, dass sich im digitalen Dickicht weitere Fundstücke dieser Güteklasse verbergen. Wir werden sehen!

Das Album gibt es auf soundcloud und bandcamp im Stream und zum kostenlosen Download:

soundcloud.com/koitus

koitus.bandcamp.com/album/koitus

4 Punkte

Bright Eyes - Every Day and Every Night coverDas nennst du eine Depression? DAS HIER ist eine Depression!

Es gibt diese spezielle Art von leidenschaftlicher Verzweiflung, die Menschen um die 20 vorbehalten zu sein scheint. Mit einem Bein noch in der Pubertät, mit dem anderen schon auf dem Weg in ein eigenständiges Leben als Erwachsener, ist dieses Alter ein großartiger Nährboden für einen narzisstischen Weltschmerz, der sich selbst ein bisschen zu ernst nimmt. Bright Eyes-Mastermind Conor Oberst war 19, als zwischen zwei Alben die EP „Every Day And Every Night“ entstand. Und die fünf Lieder darauf sind düstere Hymnen an genau diese unvergleichliche um-die-20-Depression – aus vollem, blutenden Herzen geschöpft und komplett ohne relativierende Reflexion vorgetragen. Das ist vermutlich auch der Grund, warum die englischsprachige Wikipedia das Album als „Emo“ abheftet – was musikhistorisch Quatsch ist, denn mit dem aus der Hardcore-Szene erwachsenen Emo-Core hat Oberst so viel am Hut wie Trent Reznor mit R’n'B. Aber Inhalte und Haltung sind in der Tat auf dieser Platte extrem emo.

Scheiße, das ist echt

Mit brüchiger Stimme singt Oberst voller Inbrunst über Leere, Einsamkeit, Alkoholismus, Sinnsuche und das Hadern mit der eigenen Sterblichkeit. Seine Eltern sorgen sich ob seiner dünnen, blassen Erscheinung, und er schaut von außen neidisch auf die selbstvergessene Leidenschaft von Verliebten, die ihm vorenthalten bleibt. Je nach eigener Stimmung kann man über dieses übersteigert pathetisch wirkende Selbstmitleid schmunzeln – und ich finde, es spricht auch nichts gegen diese Reaktion. Doch manchmal schnürt es einem schlicht die Kehle zu, wenn man realisiert, wie tief empfunden und aufrichtig die suizidale Verzweiflung ist, die hier aus jedem einzelnen Ton hervorquillt. So klingt ein Mensch, der versucht, sich seine Dämonen auszutreiben.

Lofi-Opulenz

Der Klang von „Every Day And Every Night“ passt hervorragend zu den unmittelbar-pathetischen Qualitäten des Inhalts. Grundgerüst der Songs ist das klassische Singer-Songwriter-Besteck: Westerngitarre und Gesang, und zwar mit allen schiefen Tönen und all dem Saitengeschepper, das dazugehört. Doch von Purismus kann nicht die Rede sein, denn um diese Kernarrangements herum entfalten sich überbordende Kumuluswolken aus opulenten Synths, Streichern, Bottleneck-Gitarren und verrauschten Field-Recordings. Ausnahme: Track 5, der sphärische „Neely O’Hara“, in dem es um Schlafmittel und Identitätsverlust geht, ist ein experimentelles elektronisces Synth- und Samplegeflecht, das wie eine Keimzelle des Albums „Digital Ash In A Digital Urn“ von 2005 wirkt.

Fazit

Auf Bright Eyes im Allgemeinen und insbesondere auf dieses Album muss man schon dezidiert Appetit haben, um es wertschätzen zu können. Ein bisschen wie Blauschimmelkäse – den snackt man ja auch nicht mal so nebenher weg. „Every Day And Every Night“ ist eine düster-bunte, unmittelbare und (Vorsicht, böses Wort!) authentische Momentaufnahme einer Depression, die man nicht immer nah an sich heranlassen möchte. Aber sie ist wertvoll. Auch, weil man nach dieser 23-Minuten-Dosis im Idealfall unter dem Gefühl hindurchgetaucht ist – und heil auf der anderen Seite wieder herauskommen und frische Luft atmen kann.

4 Punkte

TASCAM Portastudio 414 MKIIHomerecording zwischen den Epochen:

Es gab eine Zeit, da war das Aufnehmen von Musik großen Studios mit extrem teurem Equipment vorbehalten. A&Rs waren die Torwächter zum Tonstudio, und selbst eine verrauschte, schepprige Demoaufnahme konnte eine Band ein kleines Vermögen kosten. Heute kann jeder Musiker, der einen Rechner zu Hause hat, nach ein paar zumutbaren Investitionen und einer gewissen Einarbeitungszeit kristallklare Arrangements mit dutzenden von Spuren und hochwertigen Effekten produzieren.
Angesichts dieses tontechnischen Quantensprungs wird oft vergessen, dass es eine Zwischenphase gab. In den 80er und 90er Jahren war die digitale Revolution noch nicht so weit, Consumer-fähige Aufnahmetechnik bereitzustellen. Doch der Markt für Homerecording war da, und die altbewährte Analogtechnik war immer leistungsfähiger und günstiger geworden. Aus genau dieser “Zwischenzeit” stammt eine Gerätefamilie, die es Bands und Solokünstlern erstmals ermöglichte, zu Hause oder im Proberaum für kleines Geld und ohne Tontechnik-Diplom amtliche Aufnahmen selbst zu produzieren: tragbare Vierspur-Kassettenrekorder!

Vier fucking Spuren, Alter!

TASCAM, die US-Niederlassung der japanischen TEAC, gehörte zu dem Pionieren auf diesem Markt. Nachdem TEAC 1972 bereits einen Consumer-4-Spur-Recorder auf Basis von 1/4-Zoll-Tape herausgebracht hatte, der unter 1000$ kostete, senkte TASCAM mit der 1979 eingeführten Portastudio-Reihe die Zugangshürden noch einmal kräftig. Statt des teuren 1/4-Zoll-Tapes nutzen die Portastudios handelsübliche Kompakt-Kassetten als Aufnahmemedium.
Damit standen ganz normalen, klassischerweise finanziell unterausgestatteten Musikern ohne Plattenvertrag plötzlich Klangwelten offen, für die die Beatles 1967 noch ins Abbey Road Studio mussten. Vier Spuren: Woah! Das bedeutete, dass plötzlich für jedes Instrument in der klassischen Besetzung eine eigene Spur zur Verfügung stand: Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug.

Ping-Pong Recording

Tatsächlich kann das TASCAM Portastudio effektiv sogar weit mehr als vier Spuren aufnehmen, denn mehrere Spuren können auf eine zusammengelegt werden. Hat man drei Spuren aufgenommen, können diese gemeinsam auf die vierte aufgenommen werden – und schon sind wieder drei Spuren frei. Da zusammengelegte Spuren wiederum miteinander vereinigt werden können, gehen da theoretisch ganz schön viele Aufnahmen auf faktische vier Spuren. Begrenzt wird dieses Verfahren allerdings dadurch, dass sich bei jedem Ping-Pong-Schritt Rauschen aufaddiert.
Trotzdem: Die Portastudios ermöglichten zum Budget-Preis plötzlich vielschichtige Mehrspur-Aufnahmen, die vorher gesignten Künstlern vorbehalten waren, und lösten einen regelrechten DIY-Boom aus, der die Hochblüte der Alternative-Musik in den 90ern mit ermöglichte. Wir schauen uns das Portastudio 414 MKII, die leicht verbesserte Version den Originals, mal näher an.

Die Ausstattung

Und das kann das Gerät: Jede der vier Spuren hat einen Fader, einen zwei-Band-EQ  (Höhen & Bass), zwei Effekt-Sends für das Einschleifen externer Effekte sowie einen Panorama-Regler. Als Eingänge stehen zwei XLR-Mikro-Ins, normale Klinken-Eingänge und ein hochohmiger Gitarren-In zur Verfügung. Zusätzlich zu den vier Einzelspuren gibt es noch zwei reduzierte Stereo-Kanäle, auf welche die Send-Effekte geschickt werden können. Alternativ kann beim Ausspielen des Mixes über diese Stereokanäle noch ein Instrument, z.B. ein Synthesizer, hinzugefügt werden. Es gibt einen Master-Fader, einen Drehregler für die Lautstärkeregelung des Kopfhörers, eine an- und abschaltbare DBX Rauschunterdrückung sowie ein “Zero Return”-Schaltfeld, mit dessen Hilfe man zu einem vorher festgelegten Punkt in der Aufnahme zurückspulen kann. Witzige Funktion: Mit dem “Pitch Control”-Drehregler kann die Bandgeschwindigkeit – und damit die Tonhöhe – variiert werden. Der Band-Steuerungsbereich unterscheidet sich nicht von einem normalen Kassettenrekorder: Record, Play, Rewind, Fast Forward, Stop und Pause. That’s it.

Und so klingt das Ganze:

Das hier ist eine Instrumentalaufnahme, die ich mit dem TASCAM Portastudio 414 MKII gemacht habe, um den Klang und die Funktionsweise zu demonstrieren.

Die Aufnahmen liefen so ab:

TASCAM Westerngitarre1. Westerngitarre, mikrofoniert mit SM57 auf Spur 1





TASCAM Tele2. Telecaster über Hiwatt Bulldog 30 Verstärker, mikrofoniert mit SM57 auf Spur 2





TASCAM Percussion3. Percussions (Shaker & Mini-Becken), mikrofoniert mit SM57 auf Spur 3





4. Ping-Pong! Die Spuren 1-3 werden auf Spur 4 zusammengefasst


TASCAM Westerngitarre5. Noch eine Westerngitarre, damit es ein breiteres Stereobild gibt, wieder mit dem SM57 auf Spur 1





TASCAM E-Gitarre Big Muff6. Humbucker-E-Gitarre mit Big-Muff-Fuzz-Zerre direkt mit Line-In über die Gitarrenbuchse auf Spur 2





7. Nochmal Ping-Pong: Spuren 1 und 2 landen auf Spur 3

TASCAM Bass8. Bass via Gitarren-In auf Spur 1





Fertig! Jetzt wäre auf Spur 2 sogar noch Platz für Gesang gewesen, wenn ich hätte singen wollen.

9. Als Effekt habe ich via Send einen Gitarren-Bodeneffekt-Hall eingebunden, um dem Mix ein bisschen, äh, Hall zu geben.

10. Mixdown: Spur 4 (Westerngitarre 1, Telecaster, Percussion) nach halbrechts, Spur 3 (Westerngitarre 2, Big-Muff-E-Gitarre) nach links, Spur 1 (Bass) in die Stereomitte. Aus Spaß und um den Effekt zu demonstrieren, habe ich beim Mixdown während des letzten Ausklangs den Pitch-Controller runtergedreht. Brääääööööoo.o..o..o…

11. Mastern: Und fertig! Das Ergebnis habe ich via Stereo-Cinch auf meinen Rechner überspielt und (zugegeben) einen digitalen Brickwall-Limiter drübergejagt, um ein bisschen mehr Lautheit zu bekommen. Sonst nix.

Die analoge Differenz

Und, hört Ihr den Unterschied? Zunächst einmal ist da das Rauschen. Bei analogen Medien unvermeidbar, den Tontechnikern seinerzeit verhasst, sehen manche in ihm auch eine Art Kitt, der die einzelnen Elemente eines Mixes zu einem Ganzen zusammenfügt. Nostalgische Assoziationen liegen, ähnlich wie beim Knistern von Vinyl, natürlich auch nahe.
Weniger eindeutig hörbar, aber für den klassischen Tape-Klang zentral, sind Frequenzschankungen. Bei Bandaufnahmen wird das Medium über mechanische Spulen bewegt, die nicht 100% gleichmäßig arbeiten – besonders bei günstigen Geräten. Das führt zu leichten Geschwindigkeits- und damit zu Tonhöhenschwankungen. Je nach Geschwindigkeit nennen sich diese Frequenzschwankungen “Flutter” (schnell) oder “Wow” (langsamer). Wenn mich meine Ohren nicht täuschen, haben wir es bei der Demoaufnahme mit einem sanften Fall von “Wow” zu tun. Auch dieser Effekt ist natürlich erstmal ein Manko. Aber er dürfte auch viel dazu beigetragen haben, dass analog-Klang meistens als “wärmer” wahrgenommen wird als die häufig mit “Kälte” assoziierten digitalen Aufnahmen. “Wow” ist ja letztlich nichts anderes als eine Art unfreiwilliger Chorus, und kein anderer Effekt ist so eindeutig mit Wärme assoziiert wie dieser.

Musikalische Momente

Klar, aus einer bestimmten Perspektive ist es Quatsch, heute noch auf dem veralteten Medium Kassette aufzunehmen. Das Ergebnis wird nie so amtlich klingen wie eine digitale Produktion. Aber ich kann trotzdem jedem Musiker empfehlen, es einmal mit dieser Technik zu versuchen. Sowohl während als auch nach dem Aufnehmen hat dieses Medium etwas, das in der digitalen Ära selten geworden ist: Es konserviert musikalische Momente. Hier kann so gut wie nicht rumgeschnippselt und sonstwie nachkorrigiert werden. Tape kann auch nicht beliebig oft überspielt werden, weil sonst “Geisterklänge” alter Spuren zurückbleiben. Es ist eine manchmal schmerzhafte, aber auch irgendwie erlösende Erfahrung, wenn das, was musikalisch passiert ist, nunmal passiert und auf Band gebannt ist. Aufnahmen und Live-Performance rücken näher aneinander. Das Ergebnis ist, im Idealfall, die Aura des einmaligen Moments (auch wenn das jetzt kitschig klingt).
Diese Erfahrung machte 1982 auch Bruce Springsteen: Die Demoaufnahmen für sein Album “Nebraska” hatte er auf einem Portastudio gemacht. Daraufhin wurden die Lieder mit einigem Produktionsaufwand in state-of-the-art-Studioaufnahmen überführt. Und am Ende entschied sich Springsteen gegen die Studioaufnahmen – und veröffentlichte die 4-Spur-Demos als Album.
Man kann jetzt esoterisch über die “Seele” von direkt aufgenommener Musik schwadronieren und Walter Benjamins Begriff des “Auratischen” bemühen, oder man kann einfach mal Musik mit den beschränkten Mitteln eines 4-Spur-Rekorders machen und es selber spüren. Ich empfehle Zweiteres.

Herman Düne - Turn Off The Light CoverAls das ü noch Pünktchen hatte:

Mit seinem seltsamen Akzent und einer dünnen Singstimme taumelt David-Ivar Herman Düne durch die kruden Songs dieses Debüts. Die Welt war noch in Ordnung im Jahr 2000: Die Twin Towers standen noch, André Herman Düne hatte noch nicht die Segel gestrichen, und dem französischen Brüderpaar standen in den kommenden sechs Jahren noch sieben (!) gemeinsame Alben bevor. Mittlerweile hat die Band (der nach dem Ausscheiden Andrés 2006 mittlerweile die ü-Pünktchen abhandengekommen sind) ja einiges an Indie-Credibility gewonnen – unter anderem durch mehrere Auftritte in den Peel-Sessions. Das war 2000 natürlich noch nicht der Fall. Dennoch ist alles, was diese Band später groß gemacht hat, hier schon zu hören – wenn auch in etwas verdünnter Form.

Der blasseste Blues der Welt

Das Geile an Herman Düne ist diese ungeheure Kraft, die nie brachial wird. Dieser Blues, der nicht versucht, „schwarz“ zu klingen, sondern genau so blass und hühnerbrüstig bleibt, wie die Typen, die ihn machen, aussehen. Und trotzdem immer unterschwellig groovt und mitnimmt. Dazu kommt dieses charmante Understatement, das sich sowohl durch die Liveshows der Franzosen als auch durch das Coverartwork zieht (das Cover der Platte besteht, wie man auch anhand der oben zu betrachtenden Illustration FANTASTISCH sehen kann, aus mit Filzstift bemalter Pappe). Die holzig-knarrige E-Gitarre dieser Band hat mehr Charakter, als viele Bands insgesamt bieten können. Gerade auf „Turn Off The Lights“ sind die Lieder häufig hypnotisch gleichförmig – bis dann dieser leicht verhaltensgestörte Sechssaiter reinkommt und alles aufmischt. Das sind Gitarrensolos für Menschen, die Gitarrensolos hassen! Beispiel: Unbedingt mal den ersten Track „Our Smell Lingers“ anhören und sich einlullen lassen, nur um sich dann ab 2:51 von diesem akustischen Endorphin mitnehmen zu lassen.

Perlen & Verpackungsmaterial

Dieser Mix aus kruden Songs und eruptivem Nerd-Groove ist das Markenzeichen von Herman Düne. In Songs wie dem erwähnten „Our Smell Lingers“, dem beschwörerischen „I Do The Crabwalk“, dem Bottleneck-Schepperer „World Of Workers“ und dem resigniert-depressiven „Slight Miscalculation“ ist diese Qualität schon voll da. Leider sind diese Perlen in einer Menge akustischem Verpackungsmaterial verbuddelt, denn die restlichen sieben Lieder der Platte sind eher so ganz nett als genial. Der schmale Grad zwischen „hypnotisch“ und „langweilig“ wird auf „Turn Off The Lights“ genauso von beiden Seiten betrachtet wie jener zwischen „Ekstase“ und „Gedudel“.

Fazit

Heute wissen wir ja zum Glück, dass Herman Düne im Verlauf ihrer Entwicklung das langweilige Gedudel weitestgehend beiseitegelegt und sich deutlich in Richtung der hypnotischen Ekstase bewegt haben. Insofern stelle ich mich hier im Wissen um die Folgewerke souverän auf die Seite derjenigen, die „Turn Off The Lights“ als wichtig und vielversprechend bewerten!

3 Punkte

Befruchtung

Elf Jahre ist diese Platte jetzt schon alt. Adam Green war damals 20, und seine Solokarriere gab es noch nicht. Auch von Kimya Dawson, damals 28, hatte noch niemand was gehört. „The Moldy Peaches“ ist damit ein Doppeldebüt, quasi eine Lofi-Eizelle mit zwei befruchteten Zellkernen. Eine fantastische Kombination: Der emotionslos-lakonische Green mit seinen sexuell aufgeladenen, zynischen Zeilen trifft in Dawson sein warmherziges, fragiles und mutiges Gegenstück. Ein schönes Beispiel für diese Polarität ist „Steak For Chicken“. Bei diesem folkigen Duett singen die beiden teils synchron, teils gleichzeitig unterschiedliche Texte. Kostprobe:

KD: Who is gonna hurt my feelings?
AG: Who is gonna stroke my penis?

KD: Whose empty heart needs filling?
AG: Whose pussy hole needs filling?

Greens postpubertäre Sex-Tourette und Dawsons emotionale Offenheit – eine Traumkombination. Die Lieder, die bei diesem Clash entstehen, sind so eigen, rotzig und liebenswürdig, dass es nicht überrascht, dass „The Moldy Peaches“ zu den Geburtshelfern der New Yorker Antifolk-Szene wurden.

Peinlich und nah

Wichtigstes Merkmal der schimmligen Pfirsiche ist die völlige Angstfreiheit in Bezug auf Peinlichkeit. Das führt zu ein, zwei schlimmen Fremdscham-Momenten (Anspieltipp für Masochisten: „On Top“, eine Art NuMetal/Crossover-Parodie), aber eben vor allem zu dem Gefühl, ganz nah an den Musikern dran zu sein. Dabei deckt die Band ein breites Spektrum an Stimmungen und musikalischen Ausdrucksweisen ab. Die Skala reicht von der nerdigen, Gitarrenanfänger-tauglichen Ballade „Anyone Else But You“ (bekannt aus dem „Juno“-Soundtrack) über drogige Merkwürdigkeiten („These Burgers“ – man beachte die Blockflöte!) bis hin zu super hart verzerrten Schreiorgien wie „What Went Wrong“ und „Little Bunny Foo Foo“. Hier zeigt sich auch schon, was sich später in den Solokarrieren der beiden festigt: Dawson verfügt über dutzende Ausdrucksweisen – Green nur über eine.

Lofi-Lektionen

Und Alter, ist das alles schrottig aufgenommen. Das Schlagzeug rumpelt, die E-Gitarren klingen, als seien sie ohne Verstärker direkt ins Mischpult gesteckt worden, und alles zerrt, scheppert und rauscht. Besonders lofi: das gutgelaunte „Lazy Confessions“. Ein toller Moment: Bei „Nothing Came Out“, einer wunderschönen Ballade über die Nöte und Minderwertigkeitskomplexe eines Nerdmädches, klingelt mittendrin das Telefon. Dawson singt weiter, aber man hört, dass sie sich das Lachen gerade noch so verkneifen kann.

Fazit

Wer „The Moldy Peaches“ durchhört, hat entweder Kopfschmerzen – oder das Gefühl, einen ausgelassenen, intensiven Abend mit guten Freunden verbracht zu haben. Musikalisch glänzt das Album eigentlich nur durch Mut zum Dilettantismus – instrumental ist da nix zu holen. Aber das ist halt auch geil. (Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: DIESE BLOCKFLÖTE!) Einzigartig und wertvoll ist das Gefühl, das diese Platte erzeugt. Selten habe ich so stark das Bedürfnis verspürt, in einem Tierkostüm zu tanzen!

Ab jetzt gibt’s Lofi für die Augen

Man hört so viele Horrorgeschichten über Abmahnungen, nachträgliche Lizenzgebühren und dergleichen Finsteres, dass ich mich entschieden habe, auf diesem Blog nur noch Bildmaterial zu verwenden, dessen Urheber ich selbst bin. Ich werde also auch Albumcover einfach abzeichnen, statt die Originalbilder zu verwenden. Das hat auch ganz praktisch damit zu tun, dass ich zu ungeduldig bin, jedes Mal auf das OK der Pressestellen von Plattenlabels zu warten, bevor ich eine Rezension schreibe. Die netten Menschen bei den Labels werden bestimmt nicht böse sein, wenn einer weniger sie mit Anfragen zuspammt. Irrationale Panik oder vernünftige Entscheidung – keine Ahnung. Im Zweifel bestimmt beides ein bisschen. Jedenfalls sind halbdilettantische DIY-Coverzeichnungen ja thematisch auch irgendwie ganz passend beim Thema Lofi, oder? Außerdem zeichne ich heimlich auch ganz gerne.

Soviel dazu!

Demnächst jedenfalls: „The Moldy Peaches“ – von den Moldy Peaches!

Erstkontakt

Für meine erste Rezension habe ich mir das Album ausgesucht, das mir diese ganze Nische erst eröffnet hat. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, eher ein Erweckungserlebnis auf Raten. Ein Freund hat mir “In The Aeroplane Over The Sea” geschenkt. Meine erste Reaktion beim Hören war eher so “njääää?” Da singt ein Mann, der nicht besonders gut singen kann, über “Jesus Christ”, umschwirrt von Bläsern und brezeligen Gitarren. Immerhin Gitarren, dachte ich. Was mich zum Zuhören gebracht hat, waren aber die Texte. Der schenkende Freund moderierte die Gabe schließlich auch an mit dem Satz: “Ist total gut, der Typ singt, als ob er selber nicht wüsste, was die nächste Zeile ist!”

Wirre Worte

Stimmt irgendwie, und auch wieder nicht. Jeff Mangum, Sänger, Gitarrist und Mastermind von Neutral Milk Hotel, schreibt Liedtexte wie frei assoziierte surrealistische Gedichte. Es liegt beim Hörer, verwirrt wegzuhören – oder sich von diesen wahnsinnigen Wortsträngen mit auf die Reise nehmen zu lassen. Unter psychedelischer Musik stellt man sich gemeinhin ja eher Pink Floyd und Epigonen vor. Aber auf eine bestimmte Weise ist “In The Aeroplane Over The Sea” deutlich bewusstseinserweiternder als das generische Geschwurbel der LSD-Altvorderen. Hört man genauer hin, schälen sich ineinander verschachtelte Traumbilder heraus, in denen Liebe, Tod, Verzweiflung und Trost wild ineinander verschlungen sind und irgendwie eins werden. Romantische und sexuelle Liebe verschmelzen auf inspirierende und beunruhigende Weise mit Gewalt, Tod und Verlust, aber auch mit Freiheit und naiven Paradiesvorstellungen.

Spuren eines toten Mädchens

Tatsächlich gibt es thematisch sogar einen roten Faden. Nach Aussage Mangums war das Schicksal der Anne Frank eine wichtige Inspiration für das Album. In irrealen, alogischen Szenerien überwindet das lyrische Ich die Grenzen von Zeit, Raum und Tod, um eine unmögliche, traumartige Liebesbeziehung zu dem prominenten Holocaustopfer einzugehen. Am deutlichsten wird dies in der Single “Holland, 1945″. Und das alles verbunden mit dieser euphorisch scheppernden, jaulenden, brummenden Musik. Hand aufs Herz: Hätte ich davon nicht gelesen, wäre mir diese Bedeutungsebene komplett entgangen. Macht aber nichts. Dieses Album dürfte aufgrund seiner extremen lyrischen Verschrobenheit bei jedem Hörer ein komplett anderes Erlebnis auslösen, und das ist gut so.

Halbdilettantisch und wegweisend

Die hohen Töne trifft Mangus selten. Wummerfrequenzen dröhnen aus der Steelstring-Gitarre. Die Arrangements wirken stellenweise fast übervoll – raue akustische Farbexplosionen, die die Sinne überwältigen wollen und gleichzeitig einen schillernden Sog erzeugen. Die Mischung dieser teils schüchternen, teils überbordend selbstbewussten Imperfektionen erzeugt ein Gefühl, das einem tiefen, euphorischen, beängstigenden und von Liebe durchtränkten Rausch gleicht. Kein Wunder, dass Bands wie Franz Ferdinand, Arcade Fire und Caribou dieses Album als Inspiration bezeichnen.

Sound, der süchtig macht

Die folkigen Bläser und Westerngitarren machen schon was her, wenn man eventuelle Berührungsängste erstmal überwunden hat. Aber die größten Momente von “In The Aeroplane Over The Sea” entstehen, wenn in diese akustische Schrummeligkeit plötzlich diese struppig verzerrten Fuzzgitarren hineinbrechen. Ohne die Welt zu zerstören, in die sie eindringen, fügen sie ihr eine explosive, rollende, schillernde Dimension hinzu, die einem jedes mal wieder das Hirn wegbläst. Besonders gut zu hören in den Tracks “Holland, 1954″, “Ghost” und “King Of Carrot Flowers Part 2 & 3″. Ist man erstmal von diesem Klang angefixt, ist es schmerzlich herauszufinden, dass Neutral Milk Hotel nur zwei Studioalben aufgenommen haben. Um so mehr freut es, dass die Band zu einem größeren Musikerkollektiv gehört hat, das sich gegenseitig beim Aufnehmen und Produzieren ihrer Musik half: Die Elephant 6 Recording Company, zu der Bands wie The Olivia Tremor Control, The Apples In Stereo, The Gerbils, Elf Power und viele mehr gehören. Dieser Dunstkreis wird hier bestimmt noch das eine oder andere Mal eine Rolle spielen.

Fazit

“In The Aeroplane Over The Sea” ist ein wegweisendes, schillerndes, einmaliges Album. Es zieht den Hörer, der sich darauf einlässt, komplett in seinen Bann und lässt ihn so schnell nicht mehr los. Zurecht ein Klassiker und für mich immerhin Grund genug, dieser eher abseitigen Musikrichtung einen Blog zu widmen. Alle Lampen an!

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